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Forschungsprojekt in Vorbereitung

 

Historisches Geschehen in literarischen Texten

Die Konstruktion kultureller Identität in Volkslied, Geschichtsdrama

und Historischem Roman


                

 

Das kulturwissenschaftlich ausgerichtete literaturwissenschaftliche Forschungsprojekt untersucht Konstruktionen historischer Wirklichkeiten in literarischen Texten. Es wird sich an den Gattungen Lyrik, Dramatik, Epik orientieren und seinen Blick auf Werke richten, die für die jeweilige Gattung den Beginn einer Einbeziehung historischer in fiktive Wirklichkeiten markieren. Anhand von Johann Gottfried Herders Volksliedsammlung, Johann Wolfgang Goethes Drama Götz von Berlichingen und den Scotch Novels von Walter Scott soll gezeigt werden, dass literaturgeschichtlich bedeutsame Innovationen im Zuge einer Integration historischen Geschehens in literarische Texte in einem Kontext bedrohter kultureller Traditionen ihren Ursprung haben. In den ausgewählten Texten sollen Vergangenheitskonstruktionen daraufhin erkundet werden, wie sie auf diese Bedrohung mit einer Konstruktion kultureller Identität reagieren. Dazu wird im Sinne einer 'Hermeneutik der Konstruktion' (Uwe Japp) zum einen der Produktionsprozess aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive beleuchtet, zum anderen aus einer rezeptionsästhetischen Perspektive nach einer Wahrnehmung der Texte aus gegenwärtiger Sicht und nach ihrer Relevanz für gegenwärtige Problemlagen gefragt. Das Projekt zielt darauf ab, Konstruktionen kultureller Identität, die in ihrer räumlichen Reichweite unterhalb der Ebene des modernen Nationalstaats und zeitlich vor dessen Entstehung liegen, daraufhin zu erkunden, ob sie für die Suche nach ›neuen Ethnizitäten‹ (Stuart Hall) Orientierungshilfen bieten können.

Ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Erfahrung sich nicht anders als sprachlich vermitteln lässt, hat die Geschichtswissenschaften in den 1980er Jahren in eine Krise gestürzt. Insbesondere seit Hayden White darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Darstellung historischen Geschehens grundsätzlich narrativ ist und also in literarischen Kategorien zu begreifen sei, geriet die Vorstellung von der Geschichte als einer Kette kausaler Zusammenhänge, die es zu entdecken gelte, ins Wanken. Für die historische Wissenschaft bedeutete dies, dass damit die Grenze zur Literaturwissenschaft durchlässig wurde, die bis dahin entlang der Vorstellung verlaufen war, reale Wirklichkeiten könne man objektiv erklären, während fiktive Wirklichkeiten lediglich subjektiv zu verstehen seien. Die Erkenntnis, dass Geschichtsschreibung eben immer auch Schreibung ist, hat unter Historikern einen lebhaften Diskurs über die Frage in Gang gesetzt, wie viel Literarisches in allem Historischen steckt. Von diesem bis heute andauernden Diskurs hat sich die Literaturwissenschaft recht unbeeindruckt gezeigt[1] – und dies obwohl es ihre Kategorien und Methoden sind, die für diesen Diskurs und die Erforschung historiographischer Texte heute gefragt und gefordert sind.

Die Literaturwissenschaft verfügt auch selbst über ein Forschungsgebiet, das den Grenzbereich fiktiver und realer Wirklichkeiten, gewissermaßen von der anderen Seite her, erforscht: Die Darstellung historischen Geschehens in literarischen Texten – vom Volkslied über das Geschichtsdrama bis zum Historischen Roman – bildet ein literarisches Terrain, auf dem sich literatur- und geschichtswissenschaftliche Forschung interdisziplinär überschneiden. Vor dem Hintergrund des neu gewonnenen Bewusstseins, dass Vergangenheit eine Konstruktion der jeweiligen Gegenwart ist, verspricht die Erkundung dieses Terrains in doppelter Hinsicht neue Erkenntnisse. Es erweitert sich der literaturwissenschaftliche Horizont bei der Analyse einer Integration historischen Geschehens in literarische Texte, und es öffnet sich der Geschichtswissenschaft ein Weg, diese literarischen Texte als konstitutiv für die Konstruktion von Vergangenheit zu begreifen und in ihre Forschung mit einzubeziehen.

Das geplante Forschungsprojekt wird seinen Blick auf dieses Terrain richten, und zwar aus einer bestimmten Perspektive: es geht von der Annahme aus, dass die Darstellung historischen Geschehens konstitutiv für die Konstruktion kultureller Identität ist, und erkundet, inwiefern dies auch – und vielleicht gerade – für literarische Texte gilt, in die historisches Geschehen eingebettet ist. »Vergangenheit«, so Jan Assmann, »entsteht überhaupt erst dadurch, dass man sich auf sie bezieht. […] In der Erinnerung wird Vergangenheit rekonstruiert.«[2] Dieser These folgend unternimmt das Forschungsprojekt den Versuch zu erkunden, auf welche Weise und in welcher Absicht Volkslied, Geschichtsdrama und Historischer Roman Vergangenheit entstehen lassen und zur Bildung eines historischen Bewusstseins beitragen, das als eine Grundlage für die Konstruktion kultureller Identität betrachtet werden kann. »In der Erinnerung an ihre Geschichte und in der Vergegenwärtigung der fundierenden Erinnerungsfiguren vergewissert sich eine Gruppe ihrer Identität.«[3]

Im Kontext des geplanten Untersuchungsvorhabens soll kulturelle Identität als die Konstruktion eines kollektiv "Eigenen" gelten, das sich von einem "Anderen" oder "Fremden" unterscheidet. Eine postkoloniale Dekonstruktion hat die »Autorität und Authentizität, die der Begriff der ›kulturellen Identität‹ für sich beansprucht«[4], in Frage gestellt und deutlich gemacht, dass es sich dabei nicht um ein »fixiertes Wesen, das unveränderlich außerhalb von Geschichte und Kultur läge«[5], handelt. Vielmehr werden kollektive Identitäten diskursiv produziert, schaffen in strategischer Absicht ein Innen, um durch die Abgrenzung von einem Außen ein Selbst zu konstruieren. In diesem Sinn soll der Begriff in dem Forschungsprojekt verwendet werden: »identities are about questions of using the resources of history, language and culture in the process of becoming rather than being«[6].

Das Forschungsprojekt wird von der Annahme ausgehen, dass die Frage eines Werdens, einer Konstruktion von Identität insbesondere dann ins Bewusstsein der Menschen tritt, wenn das Sein als bedroht empfunden wird. Shmuel Eisenstadt und Bernhard Giesen weisen darauf hin, dass kollektive Identitäten ihre Funktion nur dann erfüllen können, »if the social processes constructing it are kept latent.«[7] Wir-Gruppen sind also auf etwas angewiesen, das man kulturelle Selbst-Verständlichkeit nennen könnte. Deren Reflexivwerden ist Ausdruck einer Bedrohung, und eine mögliche Reaktion darauf besteht in einer wachsenden Aufmerksamkeit für Traditionen und der Berufung auf gemeinschaftsbildende Werte, aber auch im »Entstehenlassen« gemeinsamer Vergangenheit: in einer Hinwendung zu Identität stiftenden Bewusstseinsinhalten.

Das geplante Forschungsvorhaben wird zu zeigen bemüht sein, dass wesentliche Impulse für eine Weiterentwicklung in der Darstellung historischen Geschehens in literarischen Texten jeweils in einem Kontext bedrohter Selbst-Verständlichkeit ihren Ursprung haben. Um verstehen zu können, welche diskursiven Prozesse von der Bedrohung kollektiver Selbst-Verständlichkeit in Gang gesetzt werden – und zu Positionierungen zugunsten einer Stabilisierung der bestehenden und/oder der Konstruktion neuer kollektiver Identitäten führen – soll die »typology of codes of collective identity«[8], die Eisenstadt und Giesen entwickelt haben, in die Analyse der literarischen Texte einbezogen werden. Die beiden Soziologen unterscheiden drei idealtypische Codes, die sich in Diskursen einer Konstruktion kollektiver Identität erkennen lassen. Primordial Codes konstruieren Wir-Gruppen als naturgegeben, Civic Codes beziehen sich auf verinnerlichte soziale Regeln, auf Traditionen und Mythen, und Cultural Codes konstruieren kollektive Identitäten unter Berufung auf transzendentale Strukturen wie etwa Religionen oder Ideologien. In der diskursiven Konstruktion kollektiver Identität mischen sich Elemente dieser idealtypischen Codes in unterschiedlichen Kombinationen und integrieren auf je eigene Weise Vergangenheitskonstruktionen. Wichtig wird es in diesem Zusammenhang sein, das Verhältnis von kultureller Identität zu anderen kollektiven Identitäten, vor allem politischen, nationalen u.ä. zu beleuchten. Denn deren Gleichsetzung führt ebenso in die Irre wie eine isolierte Betrachtung. Für das geplante Projekt wird es demnach wichtig sein, die soziale und politische Gegenwart, in der die untersuchten literarischen Texte entstanden sind, in die Analyse einzubeziehen. Nur aus dem Blickwinkel ihrer jeweiligen Gegenwart wird das Bild der Vergangenheit verständlich, das diese Texte entwerfen.

Wie im Untertitel angedeutet, wird die Untersuchung sich an den Gattungsbegriffen Lyrik, Dramatik, Epik orientieren. Diese Vorgehensweise bezieht ihre Plausibilität zum einen daraus, dass die Gattungen zu unterschiedlichen Zeiten die Darstellung historischen Geschehens integrieren, von den oral tradierten Volksliedern über das Geschichtsdrama des Sturm und Drang bis zur Entwicklung des Historischen Romans zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zum anderen aus dem Umstand, dass sich für jede Gattung ein Autor ausmachen lässt, der neue Zusammenhänge zwischen Literatur und Geschichte entwickelt und für sein literarisches Schaffen produktiv macht: Johann Gottfried Herder für die Lyrik, Johann Wolfgang Goethe für das Drama und Walter Scott für den Roman. Gleichwohl lassen sich zwischen diesen Autoren Querverbindungen herstellen und Einflussnahmen nachweisen, die belegen, dass es gattungsübergreifend strukturelle Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Darstellung historischen Geschehens in literarischen Texten gibt, die herauszuarbeiten ein Ziel der geplanten Untersuchung sein wird. Gemeinsamkeiten bestehen jedoch nicht allein über Gattungsgrenzen hinweg, sondern – die Autorennamen deuten es an – auch über sprachliche Grenzen hinweg: das Forschungsprojekt wird eine komparatistische Perspektive zu integrieren haben, denn die Entwicklung literarischer Konzepte für die Darstellung historischer Inhalte vollzieht sich in einer Wechselbeziehung zwischen der englischsprachigen und der deutschsprachigen Literatur. Als Johann Gottfried Herder zu Beginn der 1770er Jahre die Arbeit an seinem Volksliedprojekt aufnimmt, liegen bereits mehrere englischsprachige Sammlungen historischer Lieder[9] vor, die ihm als Inspiration dienen können. Stärker als an dem so erfolgreichen Thomas Percy orientiert Herder sich in seinen programmatischen Überlegungen jedoch an den – später als fingiert durchschauten – Works of Ossian von James McPherson, einer Sammlung epischer Gesänge vermeintlich schottisch-gälischen Ursprungs[10]. Herder erklärt Ossian zum Homer des Nordens und sieht sich durch die Gesänge in seiner Vorstellung bestärkt, bei alten generationenübergreifend oral tradierten Liedern des Volkes handele es sich um literarische Texte von großer Unmittelbarkeit und Authentizität – Ethnogramme, wenn man so will, an denen kulturelle Identität sichtbar werde. Herder entwickelt daraus die Idee, historische Lieder unterschiedlicher Herkunft gesammelt herauszugeben – eine »Weltliteratur der Volkspoesie«[11] – und auf diese Weise kulturelle Vielfalt abzubilden und eine Art vergleichende Kulturforschung zu ermöglichen, die darauf basiert, dass jede Kultur ihre eigene Geschichte in ihrer eigenen Sprache erzählt und nur so verstanden werden kann. Für Herder gibt es keine auf alle Kulturen anwendbaren Maßstäbe und Normen. In den Worten des Literaturwissenschaftlers Terry Eagleton ist Kultur für Herder »eine Vielfalt von spezifischen Lebensformen, deren jede ihr eigenes Entwicklungsgesetz in sich trägt«[12], und dies kommt in dem Volksliedprojekt zum Ausdruck. Seiner zuerst 1775 und, erweitert in zwei Teilen 1778/79 herausgegebenen Sammlung Stimmen der Völker in Liedern liegt nicht antiquarisches oder ästhetisches Interesse zugrunde, sondern der Wunsch, an volkspoetischen Überlieferungen das Besondere einer jeden Kultur (Ethnizität) inmitten der Vielfalt unterschiedlicher Kulturen (Humanität) zu zeigen.

Goethe, der während seiner Zeit in Straßburg engen Kontakt mit Herder pflegt – und sich im Elsass als Volksliedsammler für ihn betätigt – sind diese Vorstellungen bestens vertraut, als er eigene Überlegungen zur Integration historischer Inhalte in einen literarischen Text anstellt. Sich an der 1731 erschienenen Autobiographie eines fränkischen Ritters orientierend, macht Goethe im Götz von Berlichingen eine historische Figur zum Titelhelden eines Schauspiels, inszeniert eine Vergangenheit mit lokal geprägtem Fehde- und Faustrecht und verhilft dem deutschsprachigen Geschichtsdrama damit zum Durchbruch.[13] Inmitten einer von der französischen Leitkultur geprägten Theaterlandschaft lässt er einen "mittleren" Helden auftreten, der eine deutsche Vergangenheit repräsentiert, welche die auf antike und französisch-aristokratische Normen verpflichtete Gegenwart relativiert. Dieser Held spricht deutsch, nicht französisch. Sein Sprachstil ist volksnah, nicht höfisch. Er identifiziert sich mit seiner lokalen Gemeinschaft, nicht mit seiner sozialen Schicht. In Goethes Götz von Berlichingen bildet die Vergangenheit einen Gegenentwurf zur Gegenwart und liefert damit einen Impuls für die Konstruktion kultureller Identität. Mit Jan Assmann könnte man diese Funktion historischen Erzählens als »kontrapräsentisch« bezeichnen. »Sie geht von Defizienz-Erfahrungen der Gegenwart aus und […] hebt das Fehlende, Verschwundene, Verlorene, an den Rand Gedrängte hervor und macht den Bruch bewusst zwischen "einst" und "jetzt".«[14] Goethe lässt seinen Helden untergehen – ein Zurück zum "Einst" ist weder möglich noch wünschenswert. Sein Thema ist das "Jetzt", und die inszenierte Vergangenheit des Götz ist als ein Plädoyer für den – auch zukünftigen – Erhalt lokaler Besonderheiten zu verstehen. Mit seinem Eintreten für deren Vielfalt gibt Goethe sich als Schüler Herders und des Osnabrücker Staatstheoretikers und Publizisten Justus Möser zu erkennen, dessen Sammlung Patriotischer Phantasien er nach eigener Auskunft[15] die Berufung an den Weimarer Hof zu verdanken hatte. Inwiefern seine administrative und politische Arbeit dort als ein Versuch gelten kann, lokale kulturelle Identität auch in der Realität eines deutschen Kleinstaats zu konstruieren, und inwiefern er damit, wie Götz, zu einem Modernisierungsverlierer wird, soll ebenfalls Gegenstand des geplanten Forschungsprojekts sein.

Literaturgeschichtlich markiert Götz von Berlichingen für die Integration historischen Geschehens in literarische Texte eine bedeutende Wegmarke. In den Geschichtsdramen des von der deutschen Sturm und Drang-Bewegung so verehrten William Shakespeare stehen mit absolutistischer Herrschaftsmacht ausgestattete Regenten im Mittelpunkt. Person und Funktion sind untrennbar miteinander verknüpft. Shakespeares historische Figuren machen Geschichte, sie erleben sie nicht. Indem Goethe das Geschichtsdrama auf deutsche Verhältnisse überträgt bzw. auf die Verhältnisse einer deutschen Vergangenheit, verschafft er der Literatur die Option einer neuen Perspektive. Denn er verbindet diese Übertragung mit dem Konzept des "mittleren Helden". Goethes Held ist nicht nur als Person, also im Hinblick auf Tugendhaftigkeit, Moralität, Leidenschaftlichkeit etc. ein "mittlerer", sondern auch in seiner Funktion: Götz von Berlichingen ist auch machtpolitisch und sozio-strukturell ein "mittlerer Held", er wird in Prozesse verstrickt, die größer sind als er selbst. Und eben dies verschafft der Literatur eine neue Möglichkeit, mit der Goethe – wie zu zeigen sein wird – das moderne Geschichtsdrama begründet.

Walter Scott sind Herders volkspoetische Sammlung und Goethes Götz bestens bekannt (1799 ist Scott der erste, der Goethes Drama ins Englische übersetzt), als er seine schriftstellerische Laufbahn mit einer Sammlung von historischen Balladen aus der schottisch-englischen Grenzregion beginnt. In den zahlreichen die Minstrelsy of the Scottish Border begleitenden Erläuterungen wird deutlich, wie sehr auch er sich konzeptionell mit dem Zusammenhang zwischen historischem Geschehen und dessen literarischer Darstellung beschäftigt. Scott positioniert sich mit diesen Selbstkommentaren in einem Diskurs kollektiver Identität, denn sein erklärtes Ziel ist es, dem Verlust kultureller Autonomie vorzubeugen, den die von ihm beobachtete Entwicklung einer hybriden Identität seiner Ansicht nach bedeuten würde. »By such efforts, feeble as they are, I may contribute somewhat to the history of my native country; the peculiar features of whose manners and character are daily melting and dissolving into those of her sister and ally.«[16] Scott verfolgt dieses Ziel in den folgenden Jahren auf unterschiedlichen literarischen und außerliterarischen Ebenen. Eine sorgfältige Lektüre seiner Texte wird zeigen können, dass es ihm dabei zu keinem Zeitpunkt um die Auflösung der politischen Allianz Schottlands und Englands geht, sondern um den Erhalt dessen, was er »manners and character« seines Geburtslandes nennt. Und zu diesem Zweck bedient er sich immer wieder Konstruktionen einer dezidiert schottischen Geschichte. Im Jahr 1814 legt Scott dann mit Waverley den ersten Historischen Roman vor und führt Geschichte und Literatur schließlich in jener literarischen Gattung zusammen, in der sich dann die Popularisierung dieser Verbindung vollzieht. Die künstlerische Innovation besteht darin, dass Scott Goethes Verfahren umkehrt: Hatte Goethe mit dem Götz eine historische Figur in eine fiktive Handlung verwickelt, so lässt Scott eine fiktive Figur an einem historischen Geschehen teilhaben. Er verschafft der Literatur auf diese Weise eine neue Erzählperspektive, die es erlaubt, geschichtliche Vorgänge mit großer Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu beschreiben.[17] In den Augen des schottischen Historikers Tom Devine wird der Autor damit zu einem »brilliant pioneer in the invention of tradition, a process which helped to develop a new set of national symbols and icons while at the same time renewing others of venerable antiquity«[18]. Seinen in dieser Hinsicht größten Coup landet Scott allerdings 1822 außerhalb des literarischen Bereichs. Für den Besuch des Königs Georg IV. in Edinburgh zum Protokollchef ernannt, inszeniert er eine Parade im Kilt gekleideter Clanoberhäupter aus dem schottischen Hochland und überzeugt auch den König, dieses, von jenem Tag an "traditionelle" schottische Kleidungsstück zu tragen. Die Erfindung dieses Mythos trägt zur Konstruktion einer schottischen Identität ebenso bei wie die erfundenen Gesänge Ossians sechzig Jahre zuvor.[19] In dem geplanten Forschungsprojekt soll es allerdings nur am Rande um derartige Anekdoten gehen – deren Bedeutung für die Konstruktion von Identität damit keineswegs heruntergespielt werden soll – und stattdessen um die Scotch Novels, die vor allem in den Jahren 1814 bis 1819 entstehen.[20]

Damit ist auch der Untersuchungszeitraum des Forschungsvorhabens umrissen: die entscheidenden konzeptionellen Entwicklungsschritte bei der Darstellung historischer Inhalte innerhalb von literarischen Texten finden in der Zeit zwischen etwa 1770 und 1830 statt, und diese in der deutschen Literaturgeschichte als Goethezeit etikettierte literarische Epoche wird denn auch im Mittelpunkt des geplanten Vorhabens stehen.


 

[1]    Eine frühe Ausnahme bildet Hans Robert Jauß, der in der Herstellung einer fiktiven Konsistenz – etwa durch das Schließen faktischer Lücken, die Setzung von Anfang und Ende dessen, was erzählt wird, sowie durch die jeweilige Perspektivierung des Erzählten – unhintergehbare Funktionen der Fiktion für die Geschichtsschreibung ermittelt hat. Vgl. Hans Robert Jauß: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Frankfurt/M. 1982, S. 324ff.

[2]      Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. München 62007, S. 31

[3]    Ebd., S. 53

[4]    Stuart Hall: Kulturelle Identität und Diaspora. In: Ders.: Ausgewählte Schriften, Bd.2: Rassismus und kulturelle Identität. Hrsg. von Ulrich Mehlem et al. Hamburg 1994, S. 26

[5]  Ebd., S. 30

[6]  Stuart Hall: Who needs Identity? In: Ders./Paul du Gay (Hg.): Questions of Cultural Identity. London 1996, S. 1-17, hier: S.4

[7]    Shmuel Noah Eisenstadt/Bernhard Giesen: The Construction of Collective Identity. In: Archives Européennes de Sociologie. 36 (1995), S. 72ff., hier S. 73

[8]  Ebd., S. 76

[9]      Vgl. vor allem Thomas Percy: Reliques of Ancient English Poetry, London 1765 und David Herd: Ancient and modern Scots Songs, London 1769

[10]  The Works of Ossian, translated by James McPherson. 2 Bde. 1763. Deutsch zuerst von Michael Denis: Die Gedichte Ossians, eines alten celtischen Dichters, aus dem Englischen übersetzt, Wien 1768-69

[11]  Vgl. Matthieu Nana Tchuidjang: Herders Konzept einer Weltliteratur der Volkspoesie. In: Perspektiven einer anderen Moderne. Literatur und Interkulturalität. Hrsg. von Arne Eppers und Hans-Peter Klemme, Hannover 2003, S. 213ff.

[12] Terry Eagleton: Was ist Kultur? München 2001, S. 21

[13] Die Modernität von Goethes Geschichtsdrama besteht vor allem darin, dass er Geschichte als Gegenentwurf zur Gegenwart inszeniert und nicht lediglich »als ein Reservoir von exemplarischen Fällen und Figuren« betrachtet, wie es bei den Dramatikern vor ihm der Fall ist. Gert Ueding: Klassik und Romantik. Deutsche Literatur im Zeitalter der Französischen Revolution 1789-1815. München und Wien 1987, Bd. 1, S. 191

[14]  Jan Assmann, a.a.O., S. 79

[15]  Vgl. Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. III. Teil, 15. Buch. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Bd. 10 München 1981, S. 50ff.

[16]  Walter Scott: Introduction to Minstrelsy of the Scottish Border (1802). In: Ders.: The Poetical Works of Sir Walter Scott, Bart., 12 Bde, Edinburgh 1880, Border Minstrelsy, Bd. 1, S. 237

[17]  Wolfgang Iser hat dargelegt, wie Scott diese Anschaulichkeit in der Darstellung historischer Wirklichkeit durch eine Dialektik von Phantasie und Geschichte erreicht. Vgl. Wolfgang Iser: Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Beckett. München 21979, S. 132ff.

[18]  T.M. Devine: The Scottish Nation 1700 – 2000. London 1999, S. 292

[19]  Vgl. dazu auch Hugh Trevor-Roper: The Invention of Scotland: Myth and History. London 2008

[20]  Im Jahr 1919 erscheint mit Ivanhoe der erste Roman, mit dem Scott sein Konzept des Historischen Romans auf außerschottisches Terrain verlagert. Als Scotch Novels gelten die zuvor erschienen Romane Waverley (1814), Guy Mannering (1815), The Antiquary (1816), The Black Dwarf (1816), The Tale of Old Mortality (1816), Rob Roy (1817), The Heart of Midliothian (1818).