Lesen. Lernen. Leben
Wie Literatur Wissen schafft

»Wer als Literaturwissenschaftler bis zum Professor ›durchkommt‹, der, denke ich mir, muß die Literatur einmal für vermögend genug gehalten haben, ein ganzes Leben, ein Leben ganz auszufüllen.«

Leo Kreutzer

 

Im Winter 1963 bittet der Hessische Rundfunk zwanzig Philologen, Philosophen, Soziologen und Schriftsteller um eine, um ihre Antwort auf die Frage: ›Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker?‹ Einer hält die Frage für töricht, fünf haben keine Zeit. Bleiben vierzehn Antworten. Die Formel von den deutschen Dichtern und Denkern hat Jubiläum in dem Jahr. Sie stammt aus Germaine de Staëls Buch De l'Allemagne, das 1813 in einem zweiten Anlauf in London erschienen war, nachdem die erste, drei Jahre zuvor in Paris gedruckte Auflage auf Befehl Napoleons eingestampft werden mußte.  

150 Jahre später also, vierzehn Antworten auf die Frage, ob Madame de Staëls Formel noch Gültigkeit besitze, vierzehn Variationen eines Nein. Der erste, der Auskunft gibt, ist Hans Mayer. Nein, meint auch er, ein Volk der Dichter und Denker seien die Deutschen nicht, seien es nie gewesen. Und mit der Wucht eines Pluralis majestatis fügt er hinzu, »wir wollen ungescheut betonen, daß wir diesen Zustand begrüßen.« Ziel von Madame de Staëls Buch sei es gewesen, »das tiefsinnige und poetische Deutschland den Verkommenheiten des bonapartistischen Frankreich« entgegenzusetzen, ein früher Versuch also, eine deutsche Kultur gegen eine französische Zivilisation in Stellung zu bringen, und das »Schlagwort vom Volk der Dichter und Denker ist übriggeblieben als bare Regression, wenn nicht Reaktion. Die deutsche Geschichte und Kulturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist überall dort besonders fragwürdig, wo versucht wurde, die deutschen Zustände nach jenem fragwürdigen Modell einer poetisierenden und vage spintisierenden Nation umzuformen.« Mayer entlarvt die Formel von den Dichtern und Denkern als Beschwörungsformel einer Gegenmoderne, deren fauler Zauber Dichter hervorbringe, die sich in die »deutsche Innerlichkeit einer Erlebnislyrik ohne Adressaten« flüchteten, und Denker, die sich einer »Philosophie der bloßen Innenwelt« überließen. »Falsche Idyllik und kleinbürgerliche Restauration waren überall spürbar, wo der Ruf laut wurde: ›Zurück zum Volk der Dichter und Denker‹«. Regressionen dieser Art habe es gegeben, stellt er fest, ebenso literarische Texte – »sehr schöne Werke im einzelnen« –, die versucht hätten, eine vormoderne »Innerlichkeit, Geistestiefe und Poesie« zu konservieren; ein solches Volk sei aber nie zustande gekommen, und nicht ohne Grund würden sich heute selbst die, die dichten und denken, nicht mehr Dichter und Denker nennen. Die Erleichterung darüber ist dem Aufklärer Hans Mayer anzumerken.  

In seiner Antwort nähert Mayer sich dem Thema noch von einer anderen Seite. Den Blick auf die Gegenwart gerichtet, schlägt er vor, nach der »Substanz und der Funktion der Literatur« in der Gesellschaft zu fragen, danach, wieviel Denken im Dichten steckt und ob und wie es durch das Dichten wirkt. Also noch einmal: Sind die Deutschen ein Volk der Dichter und Denker? Wieder lautet Mayers Antwort nein, doch jetzt ist es ein Nein des Bedauerns.

Mit einem Seitenhieb auf Wolfgang Kayser macht er auf die bedenkliche Tendenz aufmerksam, »Literatur bloß noch in der Form eines ›sprachlichen Kunstwerkes‹ zur Kenntnis nehmen« zu wollen und »auf Lyrik, wenn möglich auf die sogenannt unpolitische Lyrik zu reduzieren. Als gehörten die großen Essayisten nicht ebenso zur Literatur wie die große Publizistik, und auch eine große, gedanklich wie sprachlich geprägte Philosophie.« Anders als in Frankreich oder England, wo die Essayistik seit je als eine literarische Gattung verstanden worden sei, werde in Deutschland einem kritischen Denken, das sich in Prosaform Ausdruck zu verschaffen suche, diese Anerkennung verweigert. Das Dichten werde immer mehr zu einer Sache der Sprache und sei immer weniger eine des Denkens, beklagt Mayer. Da dürfe man sich nicht wundern, daß »hierzulande immer wieder gefragt wird, ob der Essay überhaupt eine Kunstform darstelle«, und daß sich ein lediglich »sprachlicher Pluralismus« entwickelt habe, den man »um Himmels willen nicht mit geistiger oder auch bloß stilistischer Vielfalt verwechseln« dürfe. Es habe sich in Deutschland »die Vorstellung erhalten, eine biegsame, schlanke und klar benennende Diktion sei oberflächlich, sei bloßer ›Feuilletonismus‹. Während eine schwerfällige, von Substantivierungen überhäufte, aufdringlich mit Bildern und Vergleichen herausgeputzte Schreibweise, die den Mangel an Gedanken hinter ungeschlachten Satzungetümen zu verbergen sucht, immer wieder von gutgläubigen deutschen Lesern für ›tiefsinnig‹ gehalten wird.«

Wer wollte behaupten, daß diese Zustandsbeschreibung an Aktualität verloren hätte, wer wollte Mayer widersprechen, wenn er meint, daß »die deutsche Literatur unserer Zeit weder stilistisch noch sprachlich noch gedanklich einen entscheidenden Einfluß auf das Denken und Fühlen der Allgemeinheit« habe gewinnen können. »Die Wirklichkeit der Bundesrepublik ist durch kein kritisches Romanwerk oder Theaterstück verändert worden.« Dabei ist es geblieben, bis heute.

Wie aber steht es mit einer Wissenschaft von der Literatur? Sollte die nicht die Verbindung von Dichten und Denken als ihre eigentliche Aufgabe verstehen? Hans Mayer hat das so gesehen, und er hat es praktiziert. Hinter seiner Klage, die deutsche Literatur sei zu sehr eine Sache der Sprache und zu wenig eine des Denkens, verbirgt sich nicht nur die Hoffnung des Aufklärers, daß dies einmal anders werden könnte, es verbirgt sich dahinter auch die Philosophie eines Wissenschaftlers, der nicht bereit ist, die Literatur wie ein ästhetisches Jenseits zu behandeln, das mit dem Leben nichts zu schaffen habe. Dieser Wissenschaftler bemüht sich, literarische und gesellschaftliche Wirklichkeiten so aufeinander zu beziehen, daß sie sich wechselseitig erhellen. Für Mayer ist die Literaturwissenschaft eine Lebenswissenschaft, die mit den Augen der Literatur aufs Leben schaut und vom Leben her auf die Literatur. Dazu muß sie Dichten und Denken ineinander verschränken. Wie das geht, das konnte man von und bei Hans Mayer lernen – vom Sommersemester 1965 an in Hannover.  

Leo Kreutzer, von Mayer als »Assistent und Freund« vorgestellt, hat einmal versucht, die Arbeitsweise seines Lehrers zu beschreiben. Als deren wesentliches Merkmal hat Kreutzer das »Prinzip Ähnlichkeit« ausgemacht, mit dessen Hilfe Mayer in seinen Vorlesungen und Seminaren Zusammenhänge hergestellt habe »zwischen literarischen Texten, aber auch zwischen diesen und realhistorischen Vorgängen und Erfahrungen«. Mit seiner Arbeit im Hörsaal – »stets den literarischen Text in den Mittelpunkt« stellend – habe Mayer vorgeführt, »wie Lese- und Lebenserfahrung einander steigern können, indem historisches und lebensweltliches Wissen die literarische Wahrnehmungsfähigkeit und, umgekehrt, literarisches Wissen die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit im Hinblick auf Geschichte und gesellschaftliche Realität schärfen. [...] Die anschauende Urteilskraft des Literaturlehrers und Aufklärers Hans Mayer bewegt sich mit dem notwendigen Sicherheitsabstand zu literatur- und gesellschaftstheoretischen Fallen und fachwissenschaftlichen Forschungsständen zwischen seinen persönlichen Wissensbeständen, im Vertrauen auf ein nachgerade ›episches‹ Gedächtnis, ein Vertrauen, das dem auf poetische Wahrheit, auf die Wahrheit der Poesie ähnelt.« Aber ist eine solche Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft überhaupt eine Wissenschaft? Vermag die Fähigkeit, »in weit Auseinanderliegendem das Ähnliche aufzuspüren«, Erkenntnisse zu generieren, die sich neben den Leistungen einer Literaturwissenschaft behaupten können, die Literaturwissen schafft, indem sie naturwissenschaftlich-objektivierende Methoden nachahmt? Die Anwälte der Gegenseite bestreiten dies vehement. Wer Dichten und Denken, Literatur und Leben über das Prinzip Ähnlichkeit miteinander in Berührung zu bringen versucht, der bewegt sich damit in einem Raum, den die moderne Wissenschaft nicht als einen der ihren zu betrachten pflegt. Der Hochschullehrer Hans Mayer hat das zu spüren bekommen. Rückblickend räumt er ein, er habe die Universität mit der enttäuschenden Erkenntnis verlassen, daß niemand bereit gewesen sei, »das zu treiben, was eigentlicher Sinn eines Studiums der deutschen Literatur zu sein hat: Texte zu lesen und sorgfältig zu überdenken; ohne die Herablassung der Nachlebenden; die Gegenwart als ein Gewordensein zu verstehen, dem man nicht entgehen kann.«  

Hans Mayer war ein Außenseiter, und Leo Kreutzer ist sein Nachfolger. Er hat von seinem Lehrer nicht nur die Vorstellung übernommen, man könne von der Literatur etwas über das Leben und vom Leben etwas über literarische Texte lernen, er hat auch die Schwierigkeiten geerbt, die man sich mit einer solchen Vorstellung im akademischen Betrieb einer Universität einhandelt. Auf diese Schwierigkeiten hindeutend, hat Kreutzer einmal geäußert, das Dilemma eines Literaturwissenschaftlers bestehe darin, »sich entweder dem so perfekt funktionierenden Sozialisationssystem des wissenschaftlichen Denkstils zu unterwerfen, damit aber Verrat zu begehen an seinem so hinreißend nicht perfekten und so ermutigend nicht perfektiblen Gegenstand, oder aber diesem die Stange zu halten und sich damit nach dem herrschenden Verständnis als Wissenschaftler zu disqualifizieren«.

Der Außenseiterschüler hat sich entschieden – gegen eine Literaturwissenschaft, die Literaturwissen schafft, für eine Lebenswissenschaft der Literatur, gegen den Verrat und für die Konfrontation mit dem herrschenden Wissenschaftsverständnis. Aus dieser Auseinandersetzung ist etwas Eigenes hervorgegangen, eine Literaturwissenschaft, die sich grundlegend von einer Germanistik unterscheidet, deren Vertreter – selbst wenn sie keine deutsche Wissenschaft mehr betreiben, sondern eine allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft – noch immer lieber einsam ihre fensterlosen Gänge auf- und abschreiten, als sich in Kooperation und Konfrontation mit anderen Disziplinen mit einer Kritik der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu befassen. Mit der Bemerkung, er sei ein »sonderbarer Germanist«, hatte bereits Hans Mayer signalisiert, daß er einer solchen Germanistik nicht angehöre. Leo Kreutzer geht einen Schritt weiter und bekennt unumwunden, daß er seine Literaturwissenschaft »endgültig nicht mehr als germanistische zu betreiben« gedenke.

Ich möchte mir erlauben, Leo Kreutzers Literaturwissenschaft hier kurz zu skizzieren, so wie ich sie in den vergangenen fünfzehn Jahren kennen- und schätzen gelernt habe, so wie sie sich mir heute darstellt. Meine Skizze wird aus nur wenigen Strichen bestehen, die deutlich machen sollen, daß diese Literaturwissenschaft nicht lediglich die Ebene der Germanistik quantitativ ausdehnt, ihre Grenzen nach außen erweitert, sondern daß es sich um eine Vorstellung von Wissenschaft handelt, die man demgegenüber als ›räumlich‹ bezeichnen könnte. Leo Kreutzers Literaturwissenschaft unternimmt Aufklärungsreisen in die dritte Dimension, erkundet einen Raum, der sich aus Literatur und Leben, Dichten und Denken, Schreiben und Handeln konstituiert. Diese Aufklärungsreisen beginnen mit der Lektüre, also der Interaktion zwischen einem Leser und einem literarischen Text. Lesen ist ein subjektiver Prozeß, denn er zielt auf ein Verstehen, also auf eine Deutung des Gelesenen und hängt daher ganz entschieden von persönlichen Voraussetzungen ab, mit denen ein Leser in den Interaktionsprozeß eintritt. Während eine, naturwissenschaftlichen Denkstilen nacheifernde Literaturwissenschaft mit dem ihr zur Verfügung stehenden methodischen Instrumentarium daran arbeitet, diesen subjektiven Anteil möglichst zu eliminieren, läßt das Literaturstudium, zu dem man sich von Leo Kreutzer anstiften lassen kann, Subjektivität nicht nur ausdrücklich zu, sondern fordert geradezu dazu auf, die Deutung eines literarischen Textes als Ergebnis einer persönlichen Begegnung mit diesem Text zu präsentieren. Dieser Umgang mit Literatur sieht vor, sich auch bei der wissenschaftlichen Repräsentation eines Textes als dessen Leser zu erkennen zu geben und ihn so darzustellen, wie er sich einem selbst darstellt. Kreutzer hat gelegentlich einmal empfohlen, in der Art eines Theaterregisseurs vorzugehen, der »einen Dramentext auf der Bühne ›interpretiert‹. Nicht eigentlich mit ihm argumentierend, aber ihn auch nicht bloß nacherzählend, vielmehr: ›erzählend‹, wie er ihn liest, und dabei zu verstehen gebend, was er an ihm so wichtig findet.« Eine auf diese Weise zustande gekommene Deutung kann weder mit dem Anspruch universaler Geltung auftreten, noch ließe sie sich durch ausgeklügelte Beweisverfahren verifizieren. Dies ist der Grund dafür, daß die Wissenschaftlichkeit eines solchen Vorgehens aus der Perspektive eines modernen, mathematik-äquivalente Beweise fordernden Wissenschaftsdiskurses bestritten wird. Und in der Tat widersetzt sich der hier beschriebene wissenschaftliche Umgang mit literarischen Texten einem auf kausal verknüpfte Eindeutigkeiten heruntergebrochenen Weltbild, beharrt statt dessen auf der Existenz von Mehrdeutigkeit und Ähnlichkeit. Gleichwohl handelt es sich weder um eine pseudo-wissenschaftliche Legitimation für die subjektivistische Inanspruchnahme literarischer Texte, noch um eine Art literarischer Esoterik für Eingeweihte, sondern um eine Wissenschaft, die sich im Hinblick auf Sinnhaftigkeit, handwerklich-akademische Sorgfalt und eine gründlich durchdachte Präsentation gewonnener Erkenntnisse durchaus im Einklang mit wissenschaftlichen Ordnungsvorstellungen befindet. Von der derzeit herrschenden Auffassung von Wissenschaftlichkeit weicht sie jedoch ab, und es genügt ein flüchtiger Blick auf das wissenschaftstheoretische Vokabular, um zu erkennen, daß diese Abweichung sowohl die Ziele wissenschaftlichen Handelns betrifft, als auch die Wege, die zu diesen Zielen führen sollen. Ein dem gegenwärtigen mainstream folgendes wissenschaftliches Handeln beginnt mit einer These, für deren Richtigkeit mit Hilfe einer methodisch geeigneten Versuchsanordnung Beweise gesichert werden. Ziel dieses wissenschaftlichen Handelns ist ein Erklären, dessen idealtypische Ausdrucksform ein wissenschaftliches Gesetz. Demgegenüber besteht ein wissenschaftliches Handeln, das jener abweichenden Auffassung folgt, aus einer, persönliche Erfahrungen und eigene Kenntnisse integrierenden Wahrnehmung eines Phänomens und dem Abwägen von Argumenten für eine begründete Deutung. Ziel dieses wissenschaftlichen Handelns ist ein intersubjektiv nachvollziehbares Verstehen. Für einen wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten stehen demnach zwei Optionen offen. Man kann sie methodisch be-handeln, die Ergebnisse dokumentieren und sich auf diese Weise eine fachwissenschaftliche Reputation erwerben, man kann sie aber auch handeln lassen, indem man sich ihnen neugierig nähert und hört, was sie einem zu sagen haben. Mit der Bereitschaft, lesend etwas fürs Leben zu lernen, kann man mit ihnen kommunizieren, sich so von ihnen aufklären lassen. Dieser zweiten Option folgt Leo Kreutzers Literaturwissenschaft. Sie ist eine Lebenswissenschaft der Literatur.

Um den Raum aus Literatur und Leben, Dichten und Denken, literarischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit wissenschaftlich zu erkunden, reicht eine Wissenschaft, die literarische Wirklichkeiten erforscht, nicht aus. Dafür braucht man auch Philosophie, Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft und möglicherweise noch einige andere mehr. Wem die Literatur »Organon geschichtlicher Erkenntnis und insofern der Erkundung der Gegenwart ist, der wird künftig eine Literaturwissenschaft benötigen, welche nicht nur gelegentlich einmal die Grenzen zwischen den Philologien überschreitet, vielmehr ihre Gegenstände aufsucht, wo immer sie dem Bemühen entgegenkommen, sich über die Grundbedingungen der Epoche und ihre Auswirkungen auf die Subjekte Klarheit zu verschaffen.« Es geht also nicht um eine Aufhebung der wissenschaftlichen Spezialisierung, sondern darum, sich das Wissen der unterschiedlichen Fachdisziplinen zunutze zu machen. Leo Kreutzers Literaturwissenschaft ist eine interdisziplinäre Lebenswissenschaft der Literatur.  

Wer sich literarischen Texten als ein neugieriger, lernbereiter Leser nähert und diesen Status auch bei ihrer wissenschaftlichen Repräsentation beibehält und zu erkennen gibt, der betreibt eine Wissenschaft, die nicht mit dem Anspruch auftritt, ihren Gegenstand beherrschen zu wollen. Wem es ums Lernen geht, der kann darauf verzichten, die Welt der Literatur in Territorien akademischer Beherrschbarkeit einzuteilen und muß sich weder in den Schranken der – heute an Bedeutung verlierenden – Nationalliteraturen bewegen, noch muß er sich, diese Beschränkung überwindend, einer anderen ergeben, etwa der Konstruktion eines weltliterarischen Kanons, der nur allzu oft der Kanon einer westlichen Welt ist. Wer sich bemüht, Literatur vom Leben her und das Leben von der Literatur her zu verstehen, dem kann dies im Prinzip mit jedem literarischen Text gelingen. Wichtig ist allein, daß Text und Leser einander etwas zu sagen haben, und das müssen die beiden unter sich ausmachen. Ohne Zweifel gibt es dafür Grenzen, Grenzen des Verstehenkönnens und -wollens, doch diese Grenzen sind in begrüßenswerter Weise durchlässig, veränderbar, und sie verlaufen nicht dort, wo die Grenzen akademischer Kanonbildungen oder die Grenzen von Nationalliteraturen, Sprach- und Kulturräumen zu verlaufen pflegen. Leo Kreutzers Literaturwissenschaft ist eine interdisziplinäre Lebenswissenschaft der Welt-Literatur.  

Lesend zu lernen im Sinne einer solchen Literaturwissenschaft bedeutet nicht, Vermehrung von Sach-, Fach- und Expertenwissen, Lernen in diesem Sinne bedeutet Sich-Verändern, Klüger-Werden, und das kann nur, wer den Status quo, wer das eigene Selbstverständnis immer wieder lesend in Frage stellt. »Wieviel nicht hinnehmbare Realität, so fragt und untersucht die Literatur, steckt in dem, was in uns und um uns der Fall ist; wieviel mögliche Realität ist in uns und um uns nicht der Fall?« Die aus der Erforschung der Nationalliteraturen hervorgegangene allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft befaßt sich in der Hauptsache mit literarischen Texten, die diese Fragen aus der Perspektive einer ›westlichen‹ Moderne stellen. Und selbst dort, wo sie Texte aus fremden Kulturen vergleichend heranzieht, liefert dieses Modernitätsprojekt den Maßstab für den Vergleich. Diese Art von Literaturwissenschaft geht, wenn sie literarische Texte für eine kritische Haltung gegenüber der von Europa sich verbreitenden Vorstellung von Modernität in Anspruch nimmt, von der grundsätzlichen Perfektibilität dieser Vorstellung aus. Sie kritisiert das Tatsächliche als das (noch) nicht Vollkommene, als den erreichten Teil dessen, was diese Vorstellung als möglich erscheinen läßt. Eine solche Modernitätskritik ist zwangsläufig betriebsblind. Sie vermag nur das zu sehen, was aus westlicher Richtung zu sehen ist. Wer auch das Andere sehen und von ihm lernen will, der muß die Perspektive verändern, muß sich woanders hinbegeben. Die Chance zu einem solchen anderen Blick bieten literarische Texte aus fremden Kulturen – jedenfalls dann, wenn man sich angewöhnt, nicht nur vom Eigenen auf das Fremde zu schauen, sondern auch lernt, mit den Augen des Fremden das Eigene wahrzunehmen. Das ist nicht ganz einfach. Ein Literaturstudium zu betreiben, wie Leo Kreutzer es vorschlägt, erfordert einigen Mut – Löwenmut gewissermaßen – und Geduld, denn gewohnte Vorstellungen lassen sich nicht einfach ablegen. Sie verkriechen und verbergen sich in den hintersten Winkeln des Bewußten und Unbewußten und lauern auf eine günstige Gelegenheit, um wieder zum Vorschein zu kommen. Doch wer die Beschäftigung mit literarischen Texten als eine Chance begreift, »herkömmliche Einseitigkeiten europäischer Selbstwahrnehmung zu korrigieren«, der sollte es riskieren und sich darin üben, mit fremden Augen zu sehen, zu lesen, zu lernen, zu leben. Leo Kreutzers Literaturwissenschaft ist eine interkulturelle interdisziplinäre Lebenswissenschaft der Welt-Literatur.

Ich werde meine Skizze nicht weiter ausführen. Wer will, kann sie ergänzen, wer es für notwendig hält, korrigieren, und wer sich das zutraut, kann sie zu einem Bild ausarbeiten. Doch auch eine bis in Einzelheiten ausgeführte Darstellung könnte die räumliche Dimension dieser Wissenschaft nur andeuten. Um Leo Kreutzers Literaturwissenschaft zu verstehen, reicht es nicht, sich ein Bild davon zu machen. Es empfiehlt sich, den Raum aus Leben und Literatur persönlich zu erkunden. Hans Mayer hat, kurz nachdem er im Hessischen Rundfunk die Sorge äußerte, daß dem Dichten das Denken abhanden kommen könnte, Leo Kreutzer nach Hannover geholt. Und Leo Kreutzer hat sich seitdem um die Sache gekümmert. Wir lassen ihn jetzt von der Leine. Er wird uns nicht davonlaufen.

Herzlichen Dank.