Perspektiven einer anderen Moderne

Literatur und Interkulturalität

 

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Herausgegeben von

Arne Eppers und Hans-Peter Klemme

 

revonnahhannover

2003

 

Vorwort

Die europäische Aufklärung hat eine Vorstellung von Modernität produziert, die sich als ebenso erfolgreich wie folgenreich erwiesen hat. Seit etwa 250 Jahren breitet sich dieses ›Siegerprojekt‹ mit zunehmender Geschwindigkeit weltweit aus und bestimmt, was als gut, richtig und vernünftig zu gelten habe – und was nicht.

Seine globale Expansion vollzieht sich in erster Linie als eine ökonomische Verfügbarmachung der Welt, die nur um den Preis einer kulturellen Homogenisierung zu haben ist, die lokale Besonderheiten zum Verschwinden bringt. Vorstellungen, die mit einem als ›westlich‹ etikettierten Modernitätsprojekt kompatibel sind, werden integriert, abweichende Vorstellungen werden entwertet und verdrängt.

Die Ambivalenz der Moderne ist seit langem Gegenstand wissenschaftlichen Denkens und Handelns. Sozial-, Politik- und Geschichtswissenschaften beschäftigen sich damit, den Modernisierungsprozeß zu erkunden, zu erklären, mehr oder weniger dicht zu beschreiben, zu analysieren oder zu dekonstruieren, und sie leisten eine Menge, um ihn besser verstehen zu können. Aber leisten sie genug?

Leo Kreutzer, dessen Emeritierung Anlaß für diese Festschrift ist, weist mit großer Hartnäckigkeit darauf hin, daß es nicht ausreicht, den ins Globale drängenden Modernisierungsprozeß aus der Distanz zu begleiten und die Verluste, die er verursacht, zu katalogisieren. Vielmehr müßten bei einer kritischen Auseinandersetzung mit der Moderne deren Prämissen grundsätzlich in Frage gestellt und auch solche Vorstellungen wieder ins Spiel gebracht werden, die sich gegenüber dem von Europa ausgehenden Modernitätsprojekt als nicht durchsetzungsfähig erwiesen haben oder im Zuge seiner globalen Ausdehnung beseitigt worden sind. Für Leo Kreutzer gehört zu einer umfassenden Kritik der Moderne die Reflexion über Perspektiven einer »anderen Moderne«.

Möglichkeiten zu einer solchen Reflexion eröffnet die Lektüre literarischer Texte. Die Literatur ist der Ort, an dem die historisch unterlegenen, aus der Gegenwart verdrängten oder nie zum Zuge gekommenen Entwicklungsoptionen zu finden sind, der Ort, von dem aus sie sich rekonstruieren und im Lichte heutiger Erfahrungen re-evaluieren lassen.

In dem Bemühen, das Selbstverständnis europäischer Modernität abzuschütteln und Perspektiven einer anderen Moderne auszuloten, erkundet Leo Kreutzer neben der deutschsprachigen Literatur die Literaturen Lateinamerikas und Afrikas. Auf diese Weise ›doppeltblickend‹, konfrontiert er Eigenes mit Fremdem, organisiert er einen interkulturellen literarischen Diskurs, der in Goethes Konzept einer Weltliteratur als einem »großen Zusammentreffen« der verschiedenen Literaturen seinen theoretischen Bezugsrahmen hat.

Aus dem von Kreutzer angestoßenen interkulturellen Diskurs sind nicht nur eine Reihe vielbeachteter wissenschaftlicher Arbeiten hervorgegangen, mit der École de Hanovre hat sich darüber hinaus eine ›Schule‹ entwickelt, die in Leo Kreutzer ihren Knoten- und Mittelpunkt sieht und von der immer wieder bemerkenswerte Impulse für eine interkulturelle Literaturwissenschaft ausgehen.

Der vorliegende Band versammelt literarische und wissenschaftliche Texte von afrikanischen und europäischen Autoren, für die der kritische Austausch und die Zusammenarbeit mit Leo Kreutzer Inspiration und Herausforderung sind.

Für Anregungen und Kritik bei der Konzeption dieser Festschrift danken wir Arne Drews und Karin Dunse. Unser besonderer Dank gilt Petra Feil für ihre tatkräftige Unterstützung.

Hannover, im Februar 2003                                                                                                      Die Herausgeber

 

Inhalt

 

David Simo Kulturwissenschaften als Entwicklungswissenschaften?
Zur Instrumentalisierung des Wissens über die Kulturen
Arne Eppers Lesen. Lernen. Leben
Wie Literatur Wissen schafft
Kokora Michel Gneba Die Weimarer Klassik heute
Hans-Peter Klemme Lesarten. Varianz und Konsequenz in Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug
Alioune Sow Wider Fundamentalismen
Peter Kasprzyk Was bleibt?
Pierre Kadi Sossou Leo Africanus
Jürgen Peters In diesen Dingen großzügig
Koeppen. Greifswald
Alain Patrice Nganang Jenseits der Kinematographie des Jägers: Schomburgk, Rouch und Soyinka
Karin Dunse Kopfgeburten oder Warum Europäer afrikanische Literatur lesen sollen
Joseph Gomsu 'Bruder Hassan' oder: Vom Projekt einer multikulturellen Gesellschaft in Heinrich Heines Tragödie Almansor
Khadi Fall Massamba und Johannes
Sonja Lehner Eine postkoloniale Reise in das Herz der Finsternis: Urs Widmers Roman Im Kongo
Patrice Djoufack Akunna, der Henotheist.
Über die Vielfalt des Einen und die Aufnahme des Neuen in Chinua Achebes Roman Things Fall Apart
Matthieu Nana Tchuidjang Herders Konzept einer Weltliteratur der Volkspoesie
Elias Onwuatudo Duni Gelehrter zum Welfenschloß

                

                                                                                          

 

© 2003 by Revonnah Ver­lag Hannover — ISBN 3.934818.13.7